Administrator am 5. September, 2005
ich habe mir heute abend eure kalle-seite nochmals genauer angesehen und die beiträge gelesen. Um es deutlich vorauszuschicken, ich will auf keinen fall das kritisieren, was du/ihr da tuest/t. wenn es dir denn ein wirkliches bedürfnis ist, so steht es absolut außerhalb einer wertung meinerseits. Obwohl mir heute noch mehr bedenken als gestern kommen. Es sind die grundsätzlichen gedanken darüber, was trauer ist, wenn man sie denn tief in sich empfindet. Und zwar für den menschen, welcher hinter dem unikum stand, als den wohl fast alle kalle gesehen haben und als solchen auch beschreiben. Wieweit man - auch in gut gemeintem willen - den tod - und gar den selbsttod eines menschen - zu einer öffentlichen interessen- und interessentenansammlung machen darf, ich würde sogar sagen, selbst-gerecht verwenden darf. Wer will wirklich gerade bei einem menschen wie kalle, der so offensichtlich wenig eingebunden war in echte zwischenmenschliche und tiefe, intensive beziehungen, behaupten, es wäre sicher in seinem sinne, dies alles von und über ihn zu schreiben? All das erscheint mir - erst recht nach dem lesen der beiträge - als rein individuelle spekulation mit dem sinn und ziel einer viel zu späten wiedergutmachung. Ob es ihm, wo immer er nun sein mag, wirklich wichtig gewesen wäre, dass es bereits 18 aktuelle beiträge und fünf im kondolenzbuch gibt? Auch die spielerei, ob er nun im himmel oder bei gaucho marx in der hölle sitzt, finde ich fast unanständig. Nun also kann sich jeder mit seinen
gedankenblitzen dort produzieren und die originellsten beiträge ins netz setzen - ist das wirklich die art von trauerarbeit, die ihr euch vorgestellt habt? Indem ihr den so genannten und/oder selbst ernannten alten freunden und bekannten ein forum bietet, ihre “betroffenheit” und auch ihre spritzigkeit zu demonstrieren (im wahresten sinne des
wortes) und damit den offensichtlich verpassten zwischenmenschlichen “unterbau”, das notwendige fundament alles sozialen lebens, auf angenehme weise zu übertünchen?
Allein die suche nach schmuck oder anderen devotionalien kalles, um posthum einen art event zu veranstalten, welcher in echt nicht dem verstorbenen, sondern vor allem
der schar der akteure in ihre ach so aufopfernden arbeit um den nachlass zu lob und ehr genügen werden, lässt mich erschaudern. Ich komme immer wieder zu der frage zurück, wo alle diese MENSCHEN waren, als sich kalle zu dem entwickelt hat, der er am ende geblieben ist - ein offensichtlich sehr einsamer mensch, von vielen als überkluger paradiesvogel als “hightlight” in ihrem alltag willkommen. Dabei muss ich doch nun auch leider dich fragen, wo deine (anerkannt schlechte :-)) erinnerung geblieben ist? Du als sein zweites büro für seine kontakte in alle welt? Wie oft hat er es in den letzten anderthalb jahren genutzt? Wie oft hast du nicht geöffnet aus angst vor ihm und eventuelle unannehmlichkeiten? Wie oft habt ihr beide die straßenseite gewechselt und warst du froh über einen flüchtigen gruß oder, noch besser, ein scheinbares nicht-erkennen? Wie oft hast du nicht aufgedrückt, als es geklingelt hat in der befürchtung, es könnte wieder mal kalle sein??????? Sorry, aber das bist nicht
du! Du hattest gute gründe, dich so zu verhalten wegen seiner grenzen-losen präsens oder hättest, wie alle anderen auch, ihm wenigstens versuchsweise ein kleines nest bieten müssen. Da aber hast du/haben wir - alle - offensichtlich alle versagt und eine aktuelle beschäftigung mit kalle mache leider nix, gar nix besser. Alles andere, was
jetzt posthum geschieht, ist in meinen - ebenfalls anerkannt unprofessionellen augen auf abstand - weder moralisch korrekt und wird dem menschen kalle, welcher sicher
mehr war als ein clownhafter geistesblitz auf traurigen wegen, nicht gerecht. Weil es nichts gibt oder geben wird, was die geschichte, seine geschichte, revidieren könnte.
Trauer und auch gemeinsame trauer, wie sie in anderen kulturen gelebt wird, ist nur dann die wirkliche gemeinsam erlebt und gefühlte, wenn sie aus einem echten sozialen
gebinde heraus stattfindet. War dies bei kalle wirklich der fall? Wenn ich es erspüre aus unseren erlebnissen und der erinnerung und wenn ich vor allem die beiträge lese, so
geht mir dieser eindruck völlig ab. Wie du siehst, habe ich mich sehr mit diesem thema befasst und hätte fast große lust, mich entsprechend auf eurer seite zu äußern.
Aber keine sorge, ich werde es lassen.Ich möchte euch alle nicht in eurer aktion “kalle in memoriam” stören, so unbegreiflich - und so wenig “zärtlich” - ich sie auch finde.
Es steht mir einfach nicht an. Und ich möchte es mir auch nicht unbedingt ganz mit “meiner alten heimat” verderben, was ich dann sicher erreicht hätte…
Ingrid L.
Trauerbuch | Kein Kommentar »